LAEMMLITEXT ANDREA LÄMMLI, DIE TEXTERIN IN SOLOTHURN
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Der Feind in meinem Heft

14/9/2015

 
Diktate als Prüfungen sind in heutigen Klassenzimmern selten – und das ist gut so. 
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In meiner Primarschulzeit war das noch anders. Wir waren elf oder zwölf und schrieben jede Woche ein Diktat. Für ein paar Glückliche bedeutete das wöchentlich eine gute Note auf sicher. Wer viel las und sich die Wortbilder schnell einprägen konnte, hatte ohne Stress und Aufwand regelmässig ein Erfolgserlebnis. Für andere bedeutete das Diktat ....
... eine garantierte Enttäuschung pro Woche; inklusive der Gewissheit, die mit jedem Diktat wuchs: Ich kann nicht ohne Fehler schreiben. Einige Diktate konnten wir im Voraus zuhause üben, der Lehrer nannte es „Gelerntes Diktat“. Wir glücklichen Diktat-Begabten liessen uns den Text am Küchentisch von Mama einmal diktieren, merkten uns die drei, vier Wörter, über die wir dabei gestolpert waren und gingen anderntags mit einem sicheren Gefühl zur Schule.

Die aber mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuss standen, waren gestraft, jede Woche von Neuem. Einige Mitschüler übten schon lange nicht mehr, weil es sowieso nichts brachte. Andere trainierten trotzdem fleissig, dank unzerstörbarem Optimismus oder weil die Eltern darauf bestanden. Die eine Mama - diktierend und kopfschüttelnd - war jede Woche einmal kurz davor zu resignieren. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum ihr Junge fiel und viel noch immer verwechselte und wunderte sich, wie er es schaffte, ein anderes Wort im gleichen Text auf drei verschiedene Arten zu schreiben.

Die Mamas liessen sich nichts anmerken, diktierten wacker und übten mit ihrem Kind, so gut es ging. Beim ersten Durchgang waren es vielleicht dreissig, beim zweiten noch zwanzig Fehler. Eine bemerkenswerte Steigerung, eigentlich. Tragischerweise würden die zwanzig Fehler am nächsten Tag in der Schule trotzdem UNGENÜGEND bedeuten.

Wenn der Lehrer die korrigierten Diktathefte verteilte, reichte ein Blick in sein Gesicht. Dort konnten wir lesen, ob die Note gut war oder nicht. Bei den Falsch-Schreibern reichte auch ein Blick ins Heft. Der Diktattext war, von Korrekturen übersät, mehr rot als tintenblau.

Ich verstand schon damals, dass es nicht gerecht war – einige hatten einfach keine Chance. Ich hatte Mitleid mit den armen Kerlen, die einmal mehr ihre 3 kassiert hatten und frustriert am Pult sassen. Ich mochte sie, den Schtifu, Märku und Chlöisu. Sie waren tolle Jungs. Sie konnten zwar keine Rechtschreibung, aber sie liessen mich in der Pause immer mittschutten.

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​Andrea Lämmli-Rudolf - Texterin mit eidg. Fachausweis - 4500 Solothurn
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